Sri Lanka Race 2016

Über 250km aus den Bergen durch den Dschungel, Reis- und Zuckerrohrplantagen bis zum Indischen Ozean.

Das bisher schwerste Rennen – ein Satz mit dem viele Berichte anfangen. Auch einige meiner Reportagen in den Laufmagazinen fingen damit an. Hier war es so – aus sehr traurigem Anlass. Eine Woche vor Abflug nach Sri Lanka hatten wir einen Termin im Genetischen Institut in Bonn wegen unserer Tochter Mara. Wir sind seit längerem auf der intensiven Suche nach dem Grund ihrer Entwicklungsverzögerung. Sie ist aus diesem Hintergrund bereits seit zwei Jahren in therapeutischen Maßnahmen. Die Ursache konnte erst nach wiederholtem und tiefergehendem Gentest gefunden werden. Mara hat einen Gendefekt, der sich gravierend auf ihre weiteren Entwicklungsmöglichkeiten auswirkt.

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2016 4Deserts Sri Lanka. High res website images. Photo: Myke Hermsmeyer / @mykehphoto / mykejh.com

Es war ganz bitter und mir am Anfang fast unmöglich darüber zu sprechen, da ich nie bis zum zweiten Satz kam – vor lauter Heulerei. Wäre auch seltsam wenn nicht. An Laufen und an einen Wettkampf war nicht zu denken. Ich wollte Sri Lanka absagen. Nach ein paar Tagen waren Ute und ich erst in der Lage in Ruhe zu reden. Bei dem Versuch sich dem Thema zu nähern, kamen wir stückweise zum Kern der Frage: wie gehen wir die nächsten Schritte für die Zukunft der Kleinen an und welche Haltung können wir dazu einnehmen? Hier stellte sich auch die Frage: Haltung – ab wann nimmt man eine Haltung ein? Um die Zukunft von Mara kümmern wir uns immer und seit langer Zeit therapeutisch intensiv.
Mara ist ja die Gleiche. Der Termin in Bonn brachte nur die Ursache hervor und veränderte das Thema Hoffnung bei uns. Die Haltung war auch klar: Aufstehen, die Krone der kleinen Prinzessin zurechtrücken, unsere auch und gemeinsam weitergehen. Haltung ab wann: sofort! Es braucht ganz wichtig die Zeit der Trauer und Tränen, aber es braucht auch eine Einstellung zu dem Unglück. Die wollen wir direkt beziehen. Nicht für andere. Nein, nur für unsere süße kleine Familie.
Somit tagt der Familienrat und verkündet: Vattern startet in Sri Lanka. Ich habe aber auch direkt gesagt: es kann passieren, dass ich während der Tage vor dem Rennen in Colombo den nächsten Flieger zurück nachhause nehme. Nicht,dass mich hier jemand dringend braucht…aber vielleicht brauche ich Mara! Ich blieb und stand pünktlich an der Startlinie.
Die 4desert Serie von RacingThePlanetist einer meiner absoluten Favoriten. Alles ist perfekt organisiert und wir kennen uns schon lange – ein wenig wie Familientreffen. Es gibt jedes Jahr vier Rennen in verschiedenen Wüsten z.b. Sahara, Gobi, Atacama oder Antarktis als Eiswüste. Dazu jeweils ein Roving Race d.h. ein wechselndes Rennen, das jeweils in einem Land stattfindet, in dem die 4deserts noch nie waren. Dieses Jahr die Insel Sri Lanka, 50km östlich vom Südzipfel Indiens.

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Tochter und Vater finishen gemeinsam: Jade und Paul Borlinha/Kanada 2016 4Deserts Sri Lanka. High res website images. Photo: Myke Hermsmeyer / @mykehphoto / mykejh.com

Es kommen 80 Läufer zu diesem 250km langen Lauf in 6 Etappen. Start ist auf 2000m Höhe in den Zentralbergen der Insel. Von dort führt der Kurs die ersten beiden Tage durch den Dschungel. Querbeet, teilweise auf allen Vieren. Vom „Course Making Team“ freigeschlagene Trampelpfade oder auch keine. Viel Wasser, Flussquerungen und Morast, die die Füße und Klamotten für den Rest der Woche nicht mehr wirklich trocknen lassen werden. Das campeigene Lazarett ist voll mit Fußkranken, da sich durch die Feuchtigkeit die Haut auflöst und Entzündungen kommen.
Es geht die ersten beiden Tage massiv bergab – Etappe 2 mit 2.200 Höhenmetern bergab und 1000 HM bergauf (Erholung!). Das Ganze auf 40 km Laufstrecke. Für mein ramponiertes und bereits repariertes Flachlandknieleider zuviel. Es streikt und ich muss es langsam angehen lassen. Platz 8 auf den ersten beiden Etappen und Entzündung im Knie. Diesen Fall hatten mein Doc Frank Schmähling und Physio Christian Bils bereits im Vorfeld skizziert und wir hatten einen Plan. Ich hatte meine Blackroll und ein Flossing Band mit. Die Blackroll musste ich immer suchen gehen, da es das meist verliehene Tool auf einem Ultra Race ever war. Die dazugehörigen Übungen und auch Instruktionen sowie Medikamente hatte ich im Kopf oder im Rucksack.
Klar bin ich der Läufer und mein Name und mein Gesicht stehen da, wenn es gut läuft und auch wenn es in die Hose geht. Ich kann es aber nur immer wieder sagen: Du bist und bleibst als Sportler verloren ohne ein gutes Team. Dies gilt für Frank und Chris, aber auch für meine Sponsoren, meine Familie, meinen Freund Jochen oder Vanessa und Natascha im Büro. Großer Dank gehört euch allen.
Am Tag 3 wurde es flach und endlich heiß. Sehr heiß und noch viel schwüler. Hier kam meine Zeit. Ich kann bei schwül auch nicht besser laufen. Aber mir ist es wurschddd. Ich denke nicht drüber nach sondern zieh meinen Stiefel durch. Kein besonderes Talent, sondern Erfahrung aus fast 3000 Wettkampfkilometern in Wüste und Dschungel. Im Vorhinein war es klar, dass ich in den Bergen nichts reißen kann und aufgrund des entzündeten Knies hatte ich nun auch eine Top 10 Platzierung als ausreichendes Ziel für mich formuliert. Allerdings mag ich es nicht, wenn ein Thema nicht „zuende diskutiert ist“. Ich kann’s nicht leiden. Ab Etappe 3 stellte sich die Frage, wozu es bei den Ergebnissen noch reichen kann, wenn ich angreife. Um mir zuhause die blöden Diskussionen mit mir selber zu sparen: „Vielleicht hätte es noch für Platz X gereicht, wenn du angegriffen hättest“ greife ich an. Alles andere ist Humbuk. Es ist nicht so ganz einfach mit dem entzündeten Knie. Ich kann nicht mehr stehenbleiben. Das macht es an den Checkpoints etwas schwierig mit dem Wassernachfüllen. Wenn ich stehenbleibe, hakt sich das Knie fest und ich muss erst mal über einen Kilometer humpelnd gehen, bevor ich dann humpelnd weiterlaufen kann. Der interessante Nebeneffekt ist, dass man über ein Stehenbleiben oder Gehen beim Rennen gar nichtmehr nachdenken muss.

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2016 4Deserts Sri Lanka. High res website images. Photo: Myke Hermsmeyer / @mykehphoto / mykejh.com

Das Rennen ist dann quasi vorbei. Vielleicht das Geheimnis meines Erfolges in Sri Lanka und eine neue Strategie. Es gibt viele Tiere zu sehen und man ist diesen auch manchmal näher, als einem lieb ist: betrifft vor allem die Schlange bei der die Sri Lankesen neben mir, wie versteinert mit hypnotischem Blick Richtung Reptil stehenblieben. Auch schöne, aber diebische Affen, Elefanten, Krokodile bei der kleinen Waschung im See (ich meine: meine), Warane in zwei Meter Länge oder Wasserbüffel begleiten meinen Weg. Es gibt viele Geschichten zu diesem Rennen zu erzählen. Wer mehr lesen will, kann dies in der Juniausgabe des Trailmagazines tun. Dank an Denis Wischniewski für die Zusammenarbeit zu diesem Rennen. Die Entscheidung zur Attacke hat sich am Ende gelohnt. Von Platz 8 in den ersten beiden Tagen kann ich mich bis zum Ziel am Indischen Ozean auf Platz 3 der Gesamtwertung vorarbeiten. Das ist für mich überraschend, da die Wüste mir deutlich mehr liegt als der Dschungel. Die Altersklasse gewinne ich. Für mich eh das Kriterium. Die beiden Gewinner in Sri Lanka sind erfahrene, schnelle Läufer mit diversen Podestplatzierungen bei großen Rennen, die mal gerade 25 Jahre jünger sind. Als ich diese Tage den Ergebniseintrag in der Statistik der Deutschen Ultramarathonvereinigung ( http://www.D-U-V.org) sehe, fällt mir das erste Mal in aller Konsequenz meine Altersklassenstatistik auf. Bisher war mir klar, daß ich allen wichtigen Rennen seit 2010 in den Top 4 gefinisht habe. Wenn man sich die Altersklasse anschaut, bin ich seit 2010 bei 10 großen internationalen Ultraläufen gestartet und habe acht Mal die AK gewonnen und zwei Mal Platz 2 nach Hause gebracht. Das ist ziemlich ok! Und jetzt ist auch wieder genug davon.
Mara ist meine ganz große Liebe und ich habe beim Rennen natürlich oft an sie gedacht. Vor allem in den vielen Stunden vor und nach dem Laufen. Zum Thema Haltung…egal ob im Leben, im Sport oder beim Thema Zukunft: ist was Grundsätzliches. Ich hab sie gefunden. Wir haben sie gefunden.

Mehr Infos unter http://www.4deserts.com


Fotos © http://www.4deserts.com/ Myke Hermsmeyer

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